OE ist kein Projekt. OE ist das Betriebssystem.
OE ist kein Projekt. OE ist die Fähigkeit, Projekte zu verdauen, ohne die Organisation zu überhitzen.
Es gibt einen Moment, den viele Organisationen gut kennen, aber selten beim Namen nennen: Der Kalender ist voll, die Roadmaps sind bunt, die Initiativenliste ist lang – und trotzdem fühlt sich alles an, als würde man im Standgas einen Berg hochfahren. Alle sind beschäftigt, viele sind engagiert, manche sogar heroisch. Und doch bleibt dieses leise, unangenehme Gefühl: Wir steuern nicht mehr wirklich. Wir reagieren. Wir koordinieren. Wir erklären. Wir „alignen“. Wir reden sehr kompetent über Arbeit, aber wir bekommen Arbeit immer schwerer verlässlich durch das System.
In solchen Phasen fällt oft ein Satz, der gleichzeitig Hoffnung und Fluchtweg ist: „Wir müssen jetzt mal Transformation machen.“ Dann wird aus einem strukturellen Problem ein Programm. Aus einem Dauerzustand wird eine Initiative. Aus Steuerungsdefizit wird Change-Kommunikation. Man richtet ein Steering Committee ein, definiert Streams, benennt Workstreams, führt Formate ein, schreibt ein paar Leitbilder, macht Workshops. Für kurze Zeit entsteht das Gefühl von Ordnung. Und genau das ist der Punkt: Das Gefühl ist echt. Die Ordnung meist nicht.
Denn Organisationsentwicklung ist keine Kampagne. Sie ist eine kontinuierliche Disziplin. Wenn du sie als Projekt behandelst, behandelst du dein Betriebssystem wie eine App, die man einmal installiert und dann nie wieder anfassen muss. Das funktioniert in Präsentationen. Im Alltag funktioniert es so mittel.
Das Problem ist nicht, dass Organisationen sich zu wenig verändern. Das Problem ist, dass sie zu viel verändern, ohne umbaufähig zu werden. Und genau hier beginnt der zentrale Denkfehler: Immer mehr Arbeit wird projektiert, aber die Organisation entwickelt keine Struktur, die Projektifizierung dauerhaft steuerbar macht. Das Ergebnis ist Initiativeninflation: Neues kommt obendrauf, nichts wird wirklich ersetzt, und irgendwann wird jede Veränderung zur Belastungsprobe.
Diese Dynamik ist älter als KI. Aber KI macht sie brutal sichtbar.
Projektifizierung: Unsicherheit im Kostüm von Kontrolle
Projektifizierung klingt nach Professionalität. Nach Plan. Nach Zuständigkeit. Nach „wir nehmen das ernst“. In Wahrheit ist sie oft eine sehr menschliche Reaktion auf Unsicherheit. Wenn die Umwelt schneller wird, wenn Abhängigkeiten wachsen, wenn plötzlich neue Technologien in Prozesse und Rollen hineingreifen, dann sucht das System nach Halt. Und Projekte sind Haltversprechen: ein Start, ein Ziel, ein Plan, eine verantwortliche Person, ein Gremium, ein Status.
Nur: Je komplexer die Lage, desto mehr Projekte entstehen. Je mehr Projekte entstehen, desto stärker verknoten sich Abhängigkeiten. Je stärker die Abhängigkeiten, desto mehr Koordination braucht es. Je mehr Koordination, desto mehr Meetings. Und je mehr Meetings, desto weniger Zeit für echte Arbeit und echte Entscheidungen. Irgendwann ist die Organisation nicht mehr eine Maschine, die Wert schafft, sondern ein Netzwerk, das sich selbst koordiniert. Dann produziert sie Aktivität als Ersatz für Steuerung.
An dieser Stelle wird der reflexhafte Ruf nach „Transformation“ verständlich. Man spürt, dass etwas nicht stimmt. Man will es groß genug machen, damit es trägt. Man will ein Programm, das dem Chaos einen Rahmen gibt. Das ist nachvollziehbar – und meistens genau die falsche Antwort.
Denn das, was fehlt, ist selten „noch ein Veränderungsprogramm“. Was fehlt, ist ein Betriebssystem, das Veränderung als Normalität verarbeitet. Die Organisation braucht nicht mehr Veränderung. Sie braucht mehr Umbaufähigkeit.
Der Kern: OE als Betriebssystem, nicht als Initiative
Wenn ich „Betriebssystem“ sage, meine ich nichts Mystisches. Ein Betriebssystem ist das Set an Mechanismen, das dafür sorgt, dass Arbeit durch das System fließt, Entscheidungen dort getroffen werden, wo sie hingehören, und Lernen nicht als Event stattfindet, sondern als Routine. Das Betriebssystem muss nicht groß sein. Es muss nur wirken. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur verbindlich sein.
Haltungsbasierte Organisationsentwicklung hilft hier, weil sie nicht bei Formaten ansetzt, sondern bei der Erzeugerlogik. Sie schaut auf drei Ebenen, die in der Praxis untrennbar sind: Fluss, Struktur und Haltung. Wenn du diese drei Ebenen nicht synchronisierst, bekommst du genau das, was viele Transformationen liefern: Aktivität mit geringer Wirkung.
Fluss bedeutet, dass Arbeit als Arbeit sichtbar wird, nicht als Gerücht. In vielen Organisationen existieren mehrere Wahrheiten parallel: Excel-Listen, Jira-Projekte, Teams-Chats, PowerPoint-Roadmaps, Kopfstände einzelner Schlüsselpersonen. Jede dieser Sichten ist für sich plausibel. Zusammen sind sie ein Nebel. Und Nebel ist der natürliche Lebensraum von Meetings. Wo Arbeit nicht gemeinsam sichtbar ist, wird „reden“ zur Ersatzsichtbarkeit. Dann müssen Blocker im Meeting entdeckt werden, WIP explodiert unbemerkt, Abhängigkeiten werden plötzlich zum Notfall und Priorisierung wird zur Meinungsfrage. In so einem System kann Führung nicht steuern, sondern nur moderieren.
Struktur bedeutet, dass Entscheidung nicht über soziale Dynamik produziert wird, sondern über klare Entscheidungslogik. Wenn „alle verantwortlich“ sind, entsteht Verantwortung nicht automatisch. Sie entsteht als Machtspiel: Wer am lautesten ist, wer am längsten dabei ist, wer den meisten Status hat, wer im Zweifel „nein“ sagen kann. Das ist nicht böse gemeint. Das ist Systemphysik. Unklare Entscheidungsräume werden immer durch informale Autorität gefüllt. Meetings werden dann zur Bühne, auf der Autorität simuliert wird, weil sie strukturell nicht sauber verankert ist. In der Folge wandern Entscheidungen wie ein Wanderpokal durch die Organisation. Nicht weil Menschen unfähig sind, sondern weil das System Entscheidungen nicht trägt.
Haltung schließlich ist die stillste und zugleich wirkmächtigste Ebene. Sie ist keine Moral und kein Mindset-Seminar. Haltung ist die Grundannahme, mit der eine Organisation Unsicherheit deutet und Verantwortung verarbeitet. In vielen Meeting-Overload-Systemen dominiert Sicherheitsdenken: Wenn es schiefgeht, will ich nicht schuld sein. Unter dieser Logik wird Alignment zur Verantwortungsklärung missverstanden. Man holt mehr Leute in den Raum, nicht um bessere Entscheidungen zu treffen, sondern um Risiko zu verteilen. Meetings werden zur Schuldvermeidungsmaschine. Das ist unangenehm auszusprechen, aber leicht zu beobachten. Und es erklärt, warum Organisationen in unsicheren Phasen nicht schneller entscheiden, sondern langsamer.
Ein Betriebssystem, das diese drei Ebenen integriert, ist das Gegenteil von „OE als Initiative“. Es macht OE zur Dauerdisziplin: nicht als Dauer-Workshop, sondern als dauerhafte Fähigkeit.
Warum KI das Problem verschärft
KI wird oft behandelt wie eine neue Software, die man einführt. Das ist bequem, weil es in die vertraute Projektlogik passt: Auswahl, Pilot, Rollout, Training, fertig. Die Realität sieht anders aus. KI ist keine einzelne Veränderung. KI ist ein Umbau-Dauerzustand.
KI verändert nicht nur Tools, sondern Arbeitslogik. Sie verändert, wie Entscheidungen vorbereitet werden, wie Wissen entsteht, wie Qualität gesichert wird, wie Verantwortung verteilt wird. Sie zieht Data, IT, Legal, Security, Operations, HR und Führung in ein gemeinsames Feld – und genau dieses Feld ist in den meisten Organisationen ohnehin schon das, was am schlechtesten steuerbar ist: Querschnitt, Abhängigkeiten, Verantwortungsdiffusion.
Wenn du KI in ein System ohne Betriebssystem einführst, bekommst du sehr vorhersehbare Muster. Entweder entsteht ein Pilotfriedhof, weil niemand den Übergang vom Experiment in den Alltag gestaltet. Oder es entsteht Tool-Wildwuchs, weil Teams sich pragmatisch helfen und die Organisation später panisch Governance nachschiebt. Oder es entsteht Governance-Overkill, weil Sicherheitsdenken dominiert und man lieber verbietet als lernt. In allen Fällen entsteht schnell Management-Theater: Steering Committees, Use-Case-Paraden, Prompt-Guidelines, Awareness-Kampagnen – und erstaunlich wenig verlässlicher Nutzenfluss.
KI ist damit kein Sonderfall. KI ist ein Stresstest. Sie zeigt dir, ob deine Organisation umbaufähig ist oder nur gut im Reden über Veränderung.
Minimal Viable OE: Steuerbarkeit, die man im Alltag spürt
Ein Betriebssystem klingt groß. Das ist die Falle. Du brauchst kein Monster. Du brauchst wenige, harte Routinen, die das Systemverhalten verändern. Die operative Frage lautet nicht: „Wie starten wir eine OE-Initiative?“ Die Frage lautet: „Welche Routinen ersetzen wir dauerhaft, damit Steuerbarkeit entsteht?“
Eine erste Routine, die erstaunlich viel verändert, ist eine echte Stop-Logik. Nicht als Sonntagsrede, sondern als wöchentliche Praxis. In vielen Organisationen ist Starten leicht und Stoppen tabu. Das ist wie Autofahren mit Gas, aber ohne Bremse. Ein Betriebssystem braucht eine Stop-Policy, die sichtbar macht, wie viel WIP das System wirklich trägt, und die Stoppen als Führungsentscheidung legitimiert. Sobald Stoppen erlaubt und erwartbar wird, sinkt die Initiativeninflation. Und ganz nebenbei wird „Priorität“ plötzlich ein echtes Wort, nicht nur ein rhetorisches.
Eine zweite Routine ist ein Entscheidungsslot, der Entscheidungen ersetzt, nicht Diskussion verlängert. In vielen Systemen ist Entscheidung kein Ereignis, sondern ein Prozess aus Vorabstimmungen. Das erzeugt endlose Alignment-Schleifen. Ein Betriebssystem braucht einen festen Ort, an dem Entscheidungen nach Kriterien getroffen werden, inklusive der Frage, wann man die Wirkung überprüft. Das klingt banal, ist aber ein Kulturbruch: Man verschiebt Verantwortung nicht, man nimmt sie. Und man koppelt sie an Feedback. Genau das ist der Unterschied zwischen Sicherheitsdenken und Wirksamkeitsdenken im Alltag.
Eine dritte Routine ist Koordination am sichtbaren System, nicht Status im Raum. Wenn du einen Ort hast, an dem Abhängigkeiten, Blocker und WIP sichtbar sind, dann kann Koordination aufgelöst werden, statt beschrieben zu werden. Dann sind Meetings nicht mehr der Ort, an dem man erfährt, was los ist, sondern der Ort, an dem man Blockaden beseitigt. Das ist ein qualitativer Sprung. Und er macht sich sofort im Kalender bemerkbar, weil Status-Meetings ihre Daseinsberechtigung verlieren.
Eine vierte Routine ist eine Lernschleife, die während der Arbeit greift, nicht am Ende. „Lessons Learned“ am Projektende sind oft ein Trostpreis. Ein Betriebssystem braucht kurze Lernzyklen, in denen man überprüft, welche Veränderung sich tatsächlich im Systemverhalten zeigt. Nicht, ob sich Menschen bemühen. Sondern ob Fluss, Entscheidungen und Verantwortungsübernahme messbar anders funktionieren. Lernen wird dann nicht zum Event, sondern zur Steuerungsfunktion.
Diese vier Routinen sind kein neues Programm. Sie sind ein anderes Betriebssystemverhalten. Und sie haben einen wichtigen Nebeneffekt: Sie entlasten die Organisation, weil sie Kompensation abbauen. Weniger Kompensation heißt weniger Theater.
Warum Organisationen trotzdem Initiativen lieben
Wenn das so ist, warum machen so viele Organisationen OE als Initiative? Weil Initiativen psychologisch attraktiv sind. Sie sind zeitlich begrenzt. Sie erzeugen sichtbare Aktivität. Sie verteilen Verantwortung. Sie geben das Gefühl von Kontrolle. Und sie sind kompatibel mit Sicherheitsdenken, weil man immer sagen kann: Wir haben doch etwas getan.
Ein Betriebssystem ist unbequemer. Es fordert Entscheidungen, die wehtun. Es zwingt zum Stoppen. Es macht WIP sichtbar. Es entlarvt Verantwortungsdiffusion. Es reduziert die Möglichkeit, Unsicherheit durch Gremien zu sedieren. Und genau deshalb wirkt es.
Haltungsbasierte Organisationsentwicklung ist an dieser Stelle kein Kuschelbegriff, sondern eine Zumutung. Sie sagt: Die Organisation muss lernen, Unsicherheit auszuhalten, ohne Verantwortung zu verdünnen. Sie muss Strukturen bauen, die Entscheidungen tragen. Und sie muss Fluss sichtbar machen, damit Steuerung nicht im Meeting simuliert werden muss.
Das ist keine romantische Idee. Das ist ein sehr praktischer Anspruch an Professionalität.
Eine neue Definition von Professionalität
Viele Organisationen definieren Professionalität über Aktivität: Anzahl Initiativen, Anzahl Programme, Anzahl Tools, Anzahl Formate. In einer Welt mit KI und permanentem Wandel ist das eine gefährliche Metrik. Denn Aktivität skaliert schneller als Steuerbarkeit.
Die bessere Frage lautet: Wie schnell kann diese Organisation umbauen, ohne sich selbst zu blockieren? Wie gut kann sie neue Anforderungen integrieren, ohne ihre Lieferfähigkeit zu verlieren? Wie gut kann sie Entscheidungen treffen, ohne sie durch Abstimmung zu verdünnen? Wie gut kann sie lernen, ohne erst zu scheitern, um dann retrospektiv kluge Folien zu schreiben?
Wenn du diese Fragen ernst nimmst, wird klar: OE ist kein Projekt. OE ist das Betriebssystem. Und KI ist der aktuelle Stresstest, der zeigt, ob du eines hast.
Wer KI nutzen will, baut zuerst Steuerbarkeit. Alles andere ist Management-Theater mit modernerer Technik.
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