Haltung braucht Wissenschaftlichkeit – sonst wird sie zur Normierungsmaschine
Haltungsarbeit ohne Wissenschaftlichkeit kippt schnell in Esoterik
„Du musst nur noch an deiner Haltung arbeiten.“
Das klingt nach Entwicklung. In der Praxis ist es oft etwas anderes: ein Allzweck-Frame, der Kritik abräumt, Grenzverletzungen weichzeichnet und Nicht-Wirksamkeit auf die Person zurückbucht. Wenn es wirkt: „Siehst du.“ Wenn es nicht wirkt: „Dann bist du eben noch nicht so weit.“
Und genau hier liegt mein Kern: Haltungsarbeit ohne Wissenschaftlichkeit kippt schnell in Esoterik. Nicht, weil Sinn, Gefühl oder Erfahrung wertlos wären – sondern weil Prüfbarkeit durch Bekenntnis ersetzt wird.
Ich schreibe das als jemand, der phänomenologisch denkt, sozialwissenschaftlich arbeitet und Organisationsentwicklung nicht für ein Ritual hält, sondern für eine Profession. Kurz: Ich bin sehr offen für Erleben – aber ich bin allergisch gegen Immunisierung.
1) Der falsche Gegensatz: Naturwissenschaft vs. „Bedeutung“
In diesen Diskussionen wird gerne eine Unterscheidung bemüht:
Naturwissenschaft beschäftigt sich mit Realität (Messwerte, Gesetze, Reproduzierbarkeit) und Geisteswissenschaft beschäftigt sich mit Wirklichkeit (Sinn, Bedeutung, Interpretation). Manchmal wird das dann mit einem Verweis auf erkenntnistheoretische Sätze dekoriert („Wir haben nie Zugang zur Realität“), damit es seriös klingt.
Die Unterscheidung kann helfen – wenn man sie nicht missbraucht. Denn im Seminaralltag kippt sie sonst zu schnell in diese Logik:
„Das kann man nicht messen, aber es wirkt.“
„Und wenn du es nicht spürst, liegt das an dir.“
Das ist keine Erkenntnistheorie. Das ist ein geschlossenes System.
Der entscheidende Punkt, der regelmäßig unterschlagen wird: Sozialwissenschaften existieren. Und sie sind weder „Physik light“ noch „Bedeutungsfolklore“. Sie haben ein eigenes methodisches Instrumentarium – qualitativ wie quantitativ. Sie können beschreiben, prüfen, vergleichen, widersprechen. Nicht alles ist sofort numerisch, aber sehr vieles ist intersubjektiv nachvollziehbar.
Wissenschaftlichkeit heißt nicht „alles muss eine Zahl sein“. Wissenschaftlichkeit heißt: Aussagen müssen widerspruchsfähig bleiben.
2) Wo es kippt: „Wirkung“ ohne Kriterien
Sobald in Trainings, Coachings und OE-Formaten Begriffe fallen wie:
Selbstregulation
Handlungsfähigkeit
Vertrauen
Präsenz
„Stimmigkeit“
Klarheit
Resonanz
… wird Wirkung behauptet.
Und Wirkung heißt: Veränderung.
Wenn Veränderung behauptet wird, sind drei Fragen nicht optional:
Woran zeigt sich das konkret?
Nicht „es war intensiv“ oder „es hat resoniert“, sondern: Welche beobachtbaren Marker? Welche Entscheidungen? Welche Koordinationsmuster? Welche Konfliktklärung?
Wie prüfen wir das nachgelagert?
Nicht nur im Moment der Gruppendynamik (der ist notorisch unzuverlässig), sondern nach Tagen/Wochen: Was ist stabil geblieben? Was hat sich im Alltag wirklich verändert?
Was gilt als Gegenbefund?
Woran erkennen wir: wirkt nicht / wirkt nur kurzfristig / hat Nebenwirkungen?
Wenn diese Fragen nicht gestellt werden dürfen, sind wir nicht „jenseits des Messbaren“. Wir sind jenseits der Kritik. Und das ist exakt der Ort, an dem Esoterik wohnt – unabhängig davon, wie akademisch die Sprache klingt.
3) „Seit Jahren positives Feedback“ – warum das kein Wirksamkeitsbeleg ist
Ein Klassiker in Vorgesprächen:
„Ich mache das seit vielen Jahren. Ich bekomme sehr gutes Feedback.“
Das kann stimmen. Und trotzdem ist es als Argument methodisch schwach – weil es voller Bias steckt:
Response Bias: Eher die Zufriedenen geben Feedback.
Selection Bias: Irritierte gehen leise, bevor sie Feedback geben.
Autoritäts-/Höflichkeitsbias: Menschen sind nett, besonders in Gruppen und gegenüber Leitenden.
Peak-End-Bias: Menschen erinnern Peaks und das Ende – nicht die Nachhaltigkeit.
Kurzzeit-Euphorie: „War stark“ sagt wenig über Verhalten nach 4 Wochen.
„Bei meiner Tante hat’s geholfen“ ist plump. „Seit Jahren positives Feedback“ ist die gepflegte Version desselben Problems, wenn keine systematische Gegenprüfung folgt.
Wenn man seriös arbeiten will, braucht man mindestens: strukturierte Rückmeldungen, anonyme Kanäle, Gegenstimmen, Follow-ups, und die ehrliche Möglichkeit, dass ein Format für manche Menschen eben nicht passend ist.
4) Das zweite Kippmoment: Grenzen, Consent, Gruppendruck
Der gefährlichste Teil vieler „Haltungs“-Formate ist nicht der Inhalt. Es ist das Setting.
Sobald Übungen körperlich, exponierend oder gruppendynamisch aufgeladen sind, entstehen zuverlässig:
Konformitätsdruck („mach mit, sonst störst du“)
Scham- und Bloßstellungsrisiken
Grenzverletzungen (auch ohne böse Absicht)
Machtgefälle zwischen Leitung und Teilnehmenden
Und dann wird es toxisch, wenn Kritik oder Abgrenzung nicht als Information, sondern als „Blockade“ gedeutet wird. Das ist der Moment, wo Haltung zur Normierungsmaschine wird.
Haltungsarbeit, die ihren Namen verdient, beginnt nicht bei Resonanz. Sie beginnt bei einem harten Minimum:
Echtes Opt-in (nicht: „alle machen mit“, sondern: „du entscheidest“)
Exit ohne Kommentar (Abbruch ohne Rechtfertigung)
Keine Deutung des Neins („Nein“ ist nicht „Widerstand“, sondern eine Grenze)
Wenn diese Standards fehlen, kann das Format noch so „liebevoll“ heißen – es bleibt übergriffig.
5) Wissenschaftlichkeit im Haltungskontext: Was das konkret bedeutet
Damit es praktisch wird, hier ein arbeitsfähiger Rahmen. Nicht als Forschungsprogramm. Als professionelle Hygiene.
5.1 Wirkannahmen offenlegen (statt Magie)
Was soll die Intervention bewirken?
Warum genau diese Übung, warum in dieser Form, warum jetzt?
Welche Alternativen gäbe es?
Welche Risiken oder Nebenwirkungen sind plausibel?
Wer nicht erklären kann, warum er etwas tut, führt keine Entwicklung durch – er führt eine Zeremonie durch. Manchmal sind Zeremonien nett. Sie sind nur kein OE-Standard.
5.2 Indikatoren definieren (auch qualitativ!)
Nicht „Stimmigkeit“, sondern beobachtbarere Marker, z. B.:
Entscheidungen werden schneller/klarer getroffen (oder begründeter)
Konflikte werden früher angesprochen und produktiver geklärt
Absprachen halten, Rework sinkt, Übergaben werden sauberer
Schnittstellen werden aktiv gestaltet statt passiv erlitten
Prioritäten werden verständlich und konsistent erklärt
Führung respektiert Grenzen, reduziert Druck, erhöht Orientierung
Teams können WIP/Überlastung artikulieren und verändern
Das ist keine Reduktion von Menschen auf Kennzahlen. Das ist das Gegenteil: Es ist Respekt vor der Realität, in der Menschen arbeiten müssen.
5.3 Nachgelagerte Prüfung einplanen (sonst misst du nur Euphorie)
Follow-up nach 2–6 Wochen: Was ist wirklich anders?
Kurze strukturierte Interviews / Check-ins
Beobachtungsraster in Meetings
optional Pulse-Skalen, wo sinnvoll (nicht als Fetisch, als Ergänzung)
5.4 Gegenbefunde erlauben (sonst ist es Religion)
Was wäre ein Hinweis, dass es nicht wirkt?
Was wäre ein Hinweis, dass es schadet? (Scham, Rückzug, Abhängigkeit, Eskalation, Zynismus)
Wer das nicht zulässt, arbeitet nicht wissenschaftlich, sondern dogmatisch.
5.5 Skepsis als Ressource behandeln
Skepsis ist nicht „noch nicht entwickelt“. Skepsis ist ein Sensor für:
unklare Wirkannahmen
Druck und Konformität
fehlende Kriterien
moralische Überhöhung der Methode
Eine Ausbildungsleitung, die Skepsis pathologisiert, bildet nicht aus – sie rekrutiert.
6) Realität, Wirklichkeit – und der „nie Zugang zur Realität“-Satz
Der Satz „Wir haben nie Zugang zur Realität“ soll oft Demut erzeugen. In der Praxis erzeugt er häufig etwas anderes: Beliebigkeit.
Denn wenn „nie Zugang“ ernst gemeint ist, landet man schnell bei:
„Dann ist am Ende alles nur Perspektive.“ Und dann ist „fühlt sich stimmig an“ plötzlich gleichrangig mit „ist wirksam“. So funktioniert Erkenntnis nicht.
Eine pragmatische, erwachsene Version wäre:
Unser Zugang zur Welt ist vermittelt und perspektivisch. Ja.
Genau deshalb brauchen wir Methoden, Widerspruch, Triangulation, Sorgfalt.
Nicht weniger Wissenschaftlichkeit – mehr.
Und ja: Menschliches Erleben kann sich von äußerer Wirklichkeit entkoppeln. Das macht es nicht wertlos. Es macht es prüfbedürftig. Die Erfahrung eines Drogenrausches ist subjektiv – aber seine Bedingungen, Korrelate und Folgen sind untersuchbar. Genau diese Denkbewegung schützt vor Esoterik: Erleben ernst nehmen, aber nicht absolut setzen.
7) Red Flags: Woran du erkennst, dass „Haltung“ gerade esoterisch wird
Wenn du nur eine Checkliste willst – bitte. Diese Signale sind zuverlässig:
Unfalsifizierbarkeit: Es gibt keinen möglichen Gegenbefund.
Schuldumkehr: Nicht-Wirkung wird dem Teilnehmenden zugeschrieben („Haltung“, „Blockade“).
Anekdoten-Primat: „Viele Rückmeldungen“ ersetzt systematische Prüfung.
Autoritätskult: Leitung als Wahrheit, nicht als Lernarchitektur.
Konformität als Tugend: Abweichung stört „Energie“, nicht Erkenntnis.
Grenzverwischung: Körper/Intimität/Exposition ohne echte Wahlfreiheit.
Outcome-Vagheit: Keine klaren Ziele, nur Stimmung und Bedeutung.
Immunisierung durch Sprache: Kritische Fragen werden „zu verkopft“ gerahmt.
Wenn mehrere davon auftauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du gerade nicht in Entwicklung bist, sondern in Gruppendynamik-Selbstbestätigung.
8) Was das für haltungsbasierte Organisationsentwicklung bedeutet
Haltungsbasierte OE verspricht viel: Handlungsfähigkeit in Komplexität. Weniger Theater, mehr Wirksamkeit.
Gerade deshalb braucht sie Wissenschaftlichkeit. Nicht als akademischen Schmuck, sondern als Schutz:
Schutz vor moralischer Überhöhung („die Richtigen fühlen richtig“)
Schutz vor Konformität („in-group“ vs. „noch nicht so weit“)
Schutz vor Grenzverletzung („ist doch nur eine Übung“)
Schutz vor Methodenkult („das System weiß es besser als du“)
Ohne Wissenschaftlichkeit wird Haltung nicht reifer. Sie wird nur lauter.
9) Schluss: Erfahrung ja. Glauben nein. Würde unbedingt.
Ich bin für Erforschen. Ich bin für Erfahrung. Ich bin für Räume, in denen Menschen sich anders erleben und dadurch anders handeln lernen. Aber ich bin gegen blinden Glauben – vor allem dann, wenn er als „höhere Entwicklung“ verkauft wird.
Wer Wirkung behauptet, soll Kriterien nennen.
Wer Entwicklung begleitet, soll Grenzen achten.
Wer Haltung lehrt, soll Widerspruch aushalten.
Alles andere ist nicht „eine andere Erkenntnislogik“. Es ist die Immunisierung einer Praxis gegen Prüfung – und damit das Gegenteil von dem, was Haltung eigentlich sein sollte: verantwortete, erwachsene Handlungsfähigkeit.



