Ein Hoch auf die Ambivalenz
Ambivalenz bedeutet aushalten. Aushalten von verschiedenen Blickwinkeln: im Außen, im Innen, ganz generell.
Wir haben gelernt, Dinge zu lösen. Todo-Listen schnell abarbeiten. Eins nach dem anderen. Schnell reagieren, um freundlich zu wirken. Nicht zu antworten gilt als unhöflich. Auf vielen Ebenen haben wir gelernt: Wer Probleme schnell und effektiv löst, wird geschätzt und erleichtert sich selbst das Leben.
Was aber, wenn wir mit so vielen Problemen konfrontiert sind, dass wir nur noch im Lösen sind? Wir rackern uns ab, und der Berg an Todos wird einfach nicht kleiner.
Auf der Suche nach Lösungen wird die Lücke immer größer
Gerade unsere Tendenz zu automatisieren und schneller zu werden, vor allem mit KI, bewirkt, dass Posteingänge noch schneller gefüllt werden, Todo-Listen explodieren und ständig neue Informationen einprasseln. Dann kommen natürlich auch noch verschiedene Blickwinkel und widersprüchliche Meinungen dazu. Daraus resultiert oft die traurige Erkenntnis: Wir haben nicht die eine richtige Antwort.
Spannend ist dabei zu beobachten, wie unterschiedlich wir Menschen darauf reagieren:
Manche versuchen, noch schneller zu werden
Manche setzen auf Agenten und Automatisierung, um die unnötige Arbeit abzunehmen
Manche verschließen sich, fühlen sich überfordert und beginnen, über das System zu jammern
Alle drei Reaktionen versuchen, die Lücke zu schließen und sind Schutzreaktionen vor der Überforderunng. Und alle drei sind verständlich.
Ein neuer Blickwinkel tut sich auf
Es gibt aber noch etwas anderes, das immer öfter zu beobachten ist: Menschen, die lernen, mit der Lücke umzugehen. Die einfach dableiben. Mit dem Druck, mit der Unklarheit, mit dem Noch-nicht-wissen.
Manchmal lösen sich Probleme von selbst, wenn man sie eine Weile liegen lässt. Nicht weil man sie ignoriert, sondern weil sie schlicht noch nicht an der Reihe waren. Oder weil sich der Kontext verändert hat. Oder weil das, was wie ein Problem aussah, in Wirklichkeit nur ein Symptom von etwas anderem war.
Das ist keine Passivität. Es ist eine andere Art von Arbeit.
Organisationen beginnen, dafür Räume zu schaffen: kollektive Räume, in denen man gemeinsam hinschaut, statt allein zu lösen. Das nimmt den Druck vom Einzelnen und lässt ein ganzes Kollektiv mit der Komplexität umgehen. Neue Information entsteht.
Und manchmal, wenn der Raum gut gehalten, gut gestaltet und Menschen bereit dafür sind, entsteht mehr als das: echte Transformation. Nicht weil jemand die richtige Antwort hatte, sondern weil im gemeinsamen Aushalten etwas Neues sichtbar wird.
Wert schaffen bedeutet Unstimmigkeit aushalten
In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass auch Sinn und Wertigkeit wichtig sind. Dass es mehr um Outcome geht als um Output.
Wenn wir es schaffen, mit Problemen dazubleiben und zu entscheiden, was wirklich wichtig ist, dann öffnet sich etwas. Wir können nicht alle Erwartungen erfüllen, nicht alle Bedürfnisse bedienen, wir dürfen nein sagen. So kommen wir in Wirksamkeit. Wir tun weniger, aber das Richtige.
Und dafür braucht es Ambivalenz
Die Fähigkeit, zwei Dinge gleichzeitig wahrzunehmen, ohne sofort eine aufzulösen. Die Bereitschaft, kurz stehenzubleiben, bevor man handelt. Den Mut, nicht auf jedes Problem sofort eine Antwort zu haben.



